Mittwoch, 10. Juni 2015

Kinder- und Jugendpsychiater sagt

Am Mittwoch, 03.06.2015, 20:15 bis 21:00 Uhr, lief auf ard-alpha in der Sendung alpha-Forum ein Interview mit

Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, Direktor Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Das Gespräch kann unter Link angesehen werden.


Professor Schulte-Markwort sagt ungefähr (Minute 40)
"... Reflex bei uns in Deutschland, wenn ein Kind eine schlechte Note geschrieben hat, dann ist es Verweigerung oder Dummheit. ...

... selten ein Lehrer auf die Idee kommen, zu diesem Kind zu gehen
... 'du entschuldige, dann habe ich es dir offensichtlich nicht gut genug erklärt' ...
das kommt in Deutschland kaum vor. ..."

Der Kinder- und Jugendpsychiater Schulte-Markwort hat in einem im März 2015 erschienenen Buch mit dem Titel "Burnout-Kids: Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert", Verlag Pattloch, seine Erfahrungen niedergeschrieben.


Der Gedanke,
dass der Lehrer "schuld" habe am Leistungsversagen,
sprich an den schlechten Noten des Schülers,
ist nicht neu (z.B. OECD - Policy Brief vom April 2008). Es könnte also eine Rechenschaftspflicht oder eine Haftung von Lehrern diskutiert werden.

Vor ein paar Jahren haben wir für einen Schüler der Mittelstufe ein gerichtliches Verfahren geführt, letztlich waren wir bis vor dem Verwaltungsgerichtshof Hessen. Es ging um die Frage, was passieren müsse, wenn schulrechtlich vorgesehene Fördermaßnahmen wie ein Förderplan vor einer Querversetzung oder einer Nichtversetzung unterblieben sind.

Der Verwaltungsgerichtshof sah es so:
Für den Fall, dass schulrechtlich vorgesehene Fördermaßnahmen (beispielsweise ein Förderplan) vor einer Querversetzung oder einer Nichtversetzung unterbleiben, soll nur ein Schadensersatzanspruch gegen den Staat in Frage kommen.

Übersetzt heisst das:
Wenn bei einem Schüler die Leistungen schlechter werden, die Versetzung gefährdet ist, kann ein individueller Förderplan erstellt werden, der den Zweck verfolgt, das weitere Leistungsversagen durch geeignete Fördermaßnahmen abzuwenden.

Erstellt die Schule allerdings einen solchen individuellen Förderplan nicht, schaut sie vielmehr dem Leistungsversagen des Schülers tatenlos zu und entscheidet zum Ende des Schuljahres die Nichtversetzung, dann soll nur eine Geldentschädigung geltend gemacht werden können.