Donnerstag, 7. April 2016

Arbeit von morgen, Bildung von morgen (I)

  • Der aktuelle Blogbeitrag widmet sich dem Thema: Arbeit von morgen, Bildung von morgen. Wir alle bemerken bereits die kleinen Veränderungen. War es das schon? Oder ist das nur ein Vorgeschmack auf die noch kommende "disruption"?

Bei einem Treffen von Rechtsanwälten und Rechtsanwältinnen werde ich als "bildungsanwalt" einen Impulsvortrag zum Thema "disruption in der Arbeitswelt" halten. Ein Impulsgeber muss sich auf einen Vortrag selbstverständlich vorbereiten. Dies soll allerdings nicht im stillen Kämmerlein geschehen, sondern online, damit viele teilhaben können.

Bildungsanwalt meint, eigentlich ist hiermit schon alles gesagt:
"... Bildungssysteme, die Lernende auf einen gänzlich veränderten Arbeitsmarkt vorbereiten müssten, ..."

Leider stellen die Bertelsmänner aber fest:
"Weiterbildung und Bildung halten (bisher) nicht mit dem raschen technologischen Wandel Schritt, während Einzelne längst die neuen Formen des Lernens und Arbeitens vorleben."



Zunächst geht es aber erst einmal um die neue Arbeitswelt. Es herrschen recht unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die "Arbeit von morgen" aussehen wird. In den Diskussionen taucht der Begriff "disruption" recht oft auf und seine deutsche Übersetzung "Erschütterung" spricht für radikale Umwälzungen. 

Andere Stimmen sehen einen weniger radikalen, eher gemäßigteren Wandel auf uns zu kommen. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat einen Beitrag mit "Der Mythos Disruption" überschrieben.


Auch die Politik hat sich des Themas angenommen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat den Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ gestartet. Zu Beginn des Dialogs hat das Bundesministerium ein "Grünbuch Arbeiten 4.0" herausgegeben, eine Art Ausgangspunkt für die gewünschte Diskussion (www.arbeitenviernull.de oder #Arbeitenviernull).



Eine zentrale Aussage in der o.g. Studie der Bertelsmann Stiftung ist
"..., indem immer mehr Berufsgruppen und Tätigkeiten durch Automation ersetzt werden. Dann steht der Übergang in ein gänzlich neues System des Arbeitens und Wirtschaftens an, in dem auch die Sozialsysteme entsprechend anders aussehen müssen, und in dem vielleicht das Prinzip der Lohnarbeit gänzlich überholt ist."

Roboter, Maschinen, Automatisierung, Algorithmen, künstliche Intelligenz nehmen uns Arbeit ab oder ersetzen uns gleich als Arbeitskraft.

Schon im Jahr 2013 lief die Studie von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne der University of Oxford durch's Netz. Verkürzt gesagt haben die beiden eine Liste aufgestellt, welche Berufe es in Zukunft nicht mehr wird geben. Infolge der fortschreitenden Technologisierung werden Berufe nämlich wegfallen mit der Folge eines Anstiegs der Arbeitslosigkeit.

Studie The Future of Employment ansehen


Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit sieht es ein wenig anders:
"Bis zum Jahr 2025 werden 920.000 Arbeitsplätze zwischen den Berufsfeldern umgeschichtet."


Welche Schlussfolgerungen können für Bildung gezogen werden? Die o.g. Bertelsmann Studie folgert:
"Die Schlüsselfähigkeit wird die Fähigkeit sein, SICH SELBST etwas beibringen zu können."
"Die Vorstellung, sich für einen bestimmten Beruf ausbilden zu lassen und diesen dann ein Leben lang als sozial gut abgesicherte Angestellte in einem „Normalarbeitsverhältnis“ auszuüben, gar für nur einen oder zwei Arbeitgeber, sei heute schon größtenteils obsolet."
"Ein Großteil wissensbasierter Arbeit wird in Projektform abgewickelt und in Teams wechselnder Zusammensetzung, die zunehmend virtuell zusammenkommen und multinational zusammengesetzt sind."

Schüler und Studierende, später dann Berufstätige werden sich immer wieder motivieren müssen und immer wieder dazu lernen müssen - ein ganzes Leben lang. Ein Ausruhen auf einem erreichten Stand wird nur ins Abseits führen. 

Zu einem Projekt mit zunächst "wildfremden" Arbeitskollegen zusammen zukommen - offline oder vermehrt virtuell - und sich dann wieder zu trennen, setzt vielfältige soziale Kompetenzen voraus. 

Dieser Projektarbeiter wird ein Freiberufler bzw. sein eigener Unternehmer sein. Wer hier "unternehmerische Denke" mitbringt, wird im Vorteil sein.

Und die digitale Technik muss er/sie natürlich virtuos beherrschen. Der Think Tank formuliert es als "grundlegende Technologiekompetenz". Grundlegende Technologiekompetenz ist mehr als über WhatsApp eine Nachricht versenden zu können.


Die Konsequenz der Bertelsmann Studie für das Bildungssystem ist ungeheuerlich, kaum vorstellbar:
"Es braucht als erstes ein grundlegendes Umdenken im Bildungssystem:
weg vom Erlernen eines Berufs hin zur Entwicklung eines Portfolios von Fähigkeiten und Kompetenzen." 

Die Folge für das einzelne Individuum erscheint nach der Bertelsmann Studie erschreckend:
"..., dass für den Einzelnen der Wettbewerbsdruck steigt. Denn wenn etwa wissensbasierte Arbeit potenziell von jedem Ort ausgeübt werden kann, wird jede Stelle mit Mitarbeitern aus aller Welt besetzbar."

Oder besteht doch noch Hoffnung? Laut Bertelsmann Studie
"Der große Hoffnungsträger der meisten Experten ist – momentan – das Individuum. Sie halten den Einzelnen für flexibler und „smarter“ als die großen Systeme, ..."

Der traditionelle Rechtsanwalt für Bildungsrecht, also ich, wird sich zu folgendem Zukunftsberuf wandeln (müssen):
Bildungs-Portfolio-Optimierer

Und weil es sich um Treffen von Anwälten handelt, muss diese "Wahrheit" gesagt werden:
"... Forthmann erklärt sich das schlechte Abschneiden dieser Law Firms vor allem durch deren mangelndes Engagement in den sozialen Medien. "Ausgerechnet die bislang größten Kanzleien sind noch nicht richtig im Social-Media-Zeitalter angekommen", meint er. Sie konzentrierten ihre PR-Anstrengungen auf herkömmliche Print-Veröffentlichungen und seien kaum in Fachforen, bei Twitter oder in sozialen Netzwerken aktiv. " Viele Anwälte wollen ihren Namen unbedingt auf bedrucktem Papier sehen, nur das scheint für sie zu zählen", sagt Forthmann. ..."

Quelle: Anja Hall, Studie zur Sichtbarkeit im Web: Großer Nachholbedarf bei den großen Kanzleien. In: Legal Tribune Online, 24.03.2016, http://www.lto.de/persistent/a_id/18881/(abgerufen am: 24.03.2016) Link